In Indien werden die ganzjährig fließenden Flüsse vergöttlicht und als Mütter bezeichnet, da ohne sie ein Ackerbau in dem semiariden Land nur schwer möglich wäre. Der bei uns bekannteste Fluß ist der Ganges, in seiner vergöttlichten Form die Mutter Ganga(dargestellt als hübsche barbusige Frau, auf einer Makara(Gangeskrokodil)stehend). Sie steht für Reinheit und Fruchtbarkeit, nimmt die Sünden der Menschen hinweg und trägt ihre Toten mit sich. In den Legenden hat sie eine enge Beziehung zu Shiva und wird manchmal sogar als seine zweite Frau verstanden. Als Tochter des Himalya ist sie die Schwester Parvatis. Dies hat zur Folge, daß es immer wieder zu Eifersüchteleien zwischen Parvati und Ganga kommt. In den Darstellungen Shivas ist sie meist in seinem Asketenhaar zu sehen. Wie es dazu kam erzählt folgende Legende.

Die Niederkunft der Ganga

Vor langer Zeit lebte der König Sagara. Um das Wohlwollen der Götter zu erlangen, wollte er, auf Anraten eines Brahmanen, ein Pferdeopfer darbringen. In der vedischen Zeit war das relativ kompliziert. Man brauchte einen makellosen Hengst, dieser mußte erst ein Jahr frei laufen, um dann an einem ganz bestimmten Tag eingefangen und geopfert zu werden. Um ganz sicher zu gehen, daß der Hengst auch zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle sei, schickte der König 999 seiner 1000 Söhne hinterher, um ihn zu bewachen. Nur der Jüngste blieb zu Hause. Als das Jahr zu Ende war, wollten sie das Pferd wieder einfangen, doch es war verschwunden. Sie folgten seinen Spuren, die in eine Höhle führten. Dort fanden sie eine schlafende, in Lumpen gehüllte Gestalt. In der Annahme sie hätten es mit einem Pferdedieb zu tun, weckten sie ihn mit Tritten und Beschimpfungen. Es war jedoch der Weise Kapila, den sie mitten in einem vieltausendjährigen Schlaf störten. Er war darüber so erbost, daß er sie alle mit einem Blick zu Asche verbrannte. Nun waren die Söhne in Schuld(Beleidigung eines Weisen)gestorben. Um sie zu erlösen, befahl der König seinem verbliebene Sohn, sein restliches Leben in Gebet zu verbringen. Von Kapila erfuhr der Sohn, daß nur die göttlich Mutter Ganga oben im Himmel die Schuld seiner Brüder hinwegnehmen könne. Von nun an meditierte er auf die Niederkunft der Ganga zur Erde, doch ohne Erfolg. Sein Sohn setzte die Bemühungen fort, aber erst der Urenkel, Baghiratha, schaffte es, daß ihm Ganga erschien. Sie erklärte ihm, falls sie zur Erde käme, würde ihre Lichtwucht und Reinheit die Erde vernichten. Nur Shiva könne dies verhindern. Baghiratha hatte keine andere Wahl, er mußte nun auch neben Ganga Lord Shiva verehren und ihn um Hilfe bitten. Es verging noch einige Zeit und endlich war Ganga durch die Kraft der Meditation gezwungen, den Himmel zu verlassen. Wild stürzte sie sich zur Erde nieder, um sie zu zerschmettern. Als Shiva dies gewahr wurde, warf er sich unter sie und fing sie in seinem Asketenhaar auf und ließ sie von dort sanft zur Erde nieder. Nun konnte sie reinigend durch die Welt fließen und die Sünden der Menschen mit sich nehmen. Die weißen Zungen des Gangesgletschers aus der die Ganga entspringt, werden seitdem von den Anhängern Shivas als sein von Leichenasche weißgefärbtes Haar interpretiert, mit dem er sie zur Erde niederleitet.