Diese Legende führt uns in die frühen Zeiten des Matriarchats zurück.

Shiva und Parvati lebten zusammen in einem Palast am Rande des Dschungels. Da Shiva nicht nur der liebende Gatte sondern auch der Jogeshvara (1) ist, hatte er die Angewohnheit, sich gelegentlich in der Einsamkeit des Waldes Yogapraktiken zu widmen und dort für längere Zeit zu meditieren. Dies konnte unter Umständen Jahre dauern, während Parvati zu Hause auf ihn warten mußte. Eines Tages, zu Beginn der Monsumzeit, hielt er sich mal wieder für längere Zeit im Dschungel auf. Da die Hitze jahreszeitlich bedingt fast unerträglich war, begann Parvati in ihrem Palast stark zu schwitzen. Als sie sich den Schweiß von ihrer Haut rieb, bemerkte sie, daß er mit dem Staub aus der Luft kleine schwarze Dreckrugelchen bildete. Da es ihr langweilig war, begann sie damit zu spielen und formte ein kleines Männchen daraus. Es gefiel ihr, und sie hauchte ihm das Leben ein. Kurze Zeit später entschied sie sich, wegen der großen Hitze, ein ausgiebiges Bad zu nehmen. Um nicht gestört zu werden, befahl sie dem Männchen, das sich inzwischen zu einem hübschen jungen Mann entwickelt hatte, einen Knüppel zu nehmen und vor der Tür Wache zu halten. Niemand sollte hereinkommen. Wie es der Zufall so wollte, kam Shiva zurück, kaum daß sie ins Badewasser gestiegen war. Als er das Haus betreten wollte, stellte sich ihm der junge Mann entgegen und ließ ihn nicht herein, mit der Begründung, seine Herrin möchte nicht gestört werden. Shiva war außer sich. Nicht nur, daß sich in seiner Abwesenheit ein fremder Mann bei seiner Frau herumtrieb, er verbot ihm auch noch das Betreten seines eigenen Hauses. Da er es als weit unter seiner Würde betrachtete, sich persönlich mit dem potenziellen Liebhaber seiner Frau herum zu streiten, entschied er sich das Problem durch seine Diener regeln zu lassen. Er hatte eine große Armee (2), bestehend aus Fruchtbarkeitsgottheiten, Zentauren, Schlangengottheiten, Vampiren und Geistern. Ihr oberster General war der gewaltige Nandibulle (3), Symbol der männlichen Potenz. Ihn schickte er, zusammen mit seiner ganzen Armee aus, um den unverschämten Jüngling züchtigen zu lassen und gefesselt vor ihn zu bringen. Nandi rückte darauf hin gegen das Haus vor, wo ihm jedoch der junge Mann seine Keule über den Kopf schlug und ihn zusammen mit seiner ganzen Armee verprügelte. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge und übersät mit blauen Flecken zu Shiva zurückzukehren. Dieser konnte nicht fassen, was passiert war. Seine unbesiegbare Armee geschlagen von nur einem Mann. Er war heilfroh, nicht selbst versucht zu haben, den Jüngling zu vertreiben, aber er mußte eine Lösung finden. Seine Ehre stand auf dem Spiel. In seiner Not wandete er sich deshalb an die Versammlung der männlichen Götter unter Vorsitz von Brahma, dem Gott der Weisheit(4), und Indra, dem Gewittergott(5). Auf seine Schilderung der Ereignisse hin, schlug ihm breite Solidarität entgegen und man entschied sich, mit gemeinsamer Kraft der Gattin ihren Platz zuzuweisen und ihren potentiellen Liebhaber zu vernichten. Die Götter machten sich sofort auf den Weg und als sie den Palast Shivas erreichten, griffen sie den Wache stehenden Jüngling unverzüglich an. Indra, allen voran, flog mit seinem Elefanten durch die Luft und schleuderte Blitze nach ihm, wurde jedoch leicht abgewehrt. Da griffen Shiva und Vishnu gemeinsam an. Vishnu kam auf dem Sonnenvogel Garuda (6) von vorne und schleuderte die Sonnenscheibe als Waffe nach ihm. Der Jüngling parierte sie geschickt mit seiner Keule . Doch während er abgelenkt war, gelang es Shiva, sich ihm seitlich zu nähern und ihm mit seinem Dreizack den Kopf abzuhacken. Großer Jubel ertönte bei den versammelten Göttern. Als Parvati dies vom Hause aus sah, wurde sie richtig böse. Sie, als weibliche Göttin, hatte allein ein Wesen geschaffen, und die Männer hatten nichts anderes im Sinn, als es durch gemeinsame Anstrengung wieder zu zerstören. In ihrer Wut ließ sie all ihre schrecklichen zerstörerischen Formen aus sich entstehen (7). Diese stürzten sich auf die Armee der Götter und richteten ein fürchterliches Blutbad unter ihnen an(8). Nach kurzer Zeit erkannten die männlichen Götter, daß sie keine Chance hatten und baten um Gnade. Parvati gewährte ihnen Frieden, aber unter einigen Bedingungen. Zunächst mußten sie die Waffen abgeben. Dann wurde Shiva in die glücksverheißende Richtung Osten geschickt um für den Jüngling einen neuen Kopf zu besorgen, und zwar von dem ersten Lebewesen das er unterwegs treffen würde. Dies Lebewesen war ein Elefant und so bekam Parvatis Schöpfung einen Elefantenkopf. Als nächstes verlangte sie die Ablösung von Shivas General Nandi. Seinen Posten bekam nun der junge Mann und erhielt deshalb den Namen Ganesha (Herr der Scharen Shivas). Auf ihr Verlangen hin wurde er unter die höchsten Götter aufgenommen. Da er einen Elefantenkopf hatte und Elefanten als weise gelten, mußte Brahma ihm sein Funktion als Gott der Weisheit überlassen. Da Elefanten Süßes mögen, wurde er zum Gott der Süßigkeiten. Da er Parvati tapfer verteidigt hatte, wurde er zum Schützer der Frauen und des Harems. Da er den Eingang des Palastes verteidigt hatte, wurde er zum Torwächter(9) und wird wie Lakshmi am Beginn jeder neuen Unternehmung verehrt. Desweiteren wurde er zum Gott, der die Widerstände beseitigt und bekam deshalb die Ratte als Symboltier. Denn wie der Elefant durch Hüttenwände bricht und mit Kraft fast alles erreicht, so kann man die Ratte unter der Erde nicht aufhalten und sie kommt mit List in jeden Getreidespeicher, (zwei Arten Widerstände zu beseitigen).

Nach einer anderen späteren Legende ist er der gemeinsame Sohn von Shiva und Parvati und verliert seinen Kopf, als der Gott des Unglücksplaneten Saturn sich auf Einladung Shivas über seine Wiege beugt, um ihm Glück zu wünschen. Der Kopf verbrennt zu Asche und wird von Shiva durch einen Elefantenkopf ersetzt.

In einer ebenfalls späteren Legende wird von einem Wettrennen zwischen ihm und seinem Bruder Karttikeya berichtet. Es geht um die zwei schönen Göttinnen Riddhi(10)und Siddhi(11). Beide Brüder wollen sie heiraten und der Sieger soll sie bekommen. Das Ziel ist es, die ganze Welt zu umrunden. Wer zuerst am Ausgangspunkt zurück wäre, hätte gewonnen. Karttikeya, der junge Krieger, springt auf seinen Pfau und fliegt davon, schnell wie ein Pfeil. Ganesha möchte ihm folgen, doch er ist etwas korpulenter und sein Reittier, die Maus, geht unter ihm quickend in die Knie. Als der Mond dieses Schauspiel sieht, kann er sich vor Lachen kaum am Himmel halten, worüber nun andererseits Ganesha sehr erbost ist. Er verflucht das Gestirn, weil dieses über seinen Bauch gelacht hat, dazu, daß es immer seine Form wandeln muß und sein Bauch mal dicker und mal dünner wird. Dann wendet er sich wieder dem Rennen zu. Wie kann er noch gewinnen? Seine Maus hat keine Chance gegen den Pfau. Da fällt ihm eine für ihn typische Lösung ein. Es ging darum, die Welt zu umrunden. Wenn nun aber Shiva und Parvati die ganze Welt, ja sogar den ganzen Kosmos beinhalteten, so wäre es viel einfacher sie zu umkreisen, vor allem, da sie direkt neben ihm stehen. Gesagt, getan. Als Karttikeya nach Monaten zurückkommt, ist das Rennen längst gelaufen und Ganesha mit den beiden schönen Shaktis verheiratet. Das empfindet der aufrechte Karttikeya als Betrug. Er bleibt unverheiratet und verflucht Ganesha dazu, in Zukunft immer von Spielern und Betrügern um Hilfe angerufen zu werden, da er selber ein Betrüger sei.


  1. Herr der Yogis
  2. die Ganas
  3. siehe "Nandi" (Paralle zum Minotaurus)
  4. siehe "Brahma"
  5. entspricht dem griechischen Zeus, siehe "Devas"
  6. Symbol des männlichen Geistes, siehe "Garuda"
  7. z.B: Sitala (Göttin der Seuchen),Kali (alles zerstörende Zeit), Kalirati(schwarze Nacht), Chamuda (die Skelettartige), Bhairavi (die Schreckliche), Candika (die Grausame) und viele mehr
  8. Auch Götter sind nach indischer Vorstellung sterblich.
  9. Er erfüllt auch eine Torwächterfunktion für Shiva, denn Shiva ist sehr gutmütig und immer gerne bereit zu verzeihen(einmal wirft z.B. ein Mörder eine vertrocknete Blume weg und sagt dabei in Gedanken versunken "Shiva". Er tut es nicht aus Verehrung, sondern unbewußt, so wie wir manchmal "Herrgott nochmal" sagen ohne wirklich Gott zu meinen. Trotzdem ist Shiva davon so gerührt, daß der Verbrecher nach seinem Tod von ihm aus der Unterwelt Yamas gerettet wird, um nach einer Läuterung in Varanasi, wo seine Sünden verbrannt werden, ins Paradies einzugehen.) So genügte es früher auch, zum Shivaheiligtum in Somnath zu gehen und den Lingam zu verehren. Man wurde dadurch aller Sünden ledig und konnte direkt ins Paradies, egal welche Verfehlungen man begangen hatte. In kurzer Zeit war darauf der Himmel mit Mördern und Dieben überfüllt, was den anderen Göttern überhaupt nicht gefiel. Um dem Einhalt zu gebieten, setzten sie Ganesha als Wächter vor das Heiligtum. Nur wer an ihm und seinen beiden Frauen vorbeikommt kann seitdem weiter zu Shiva vordringen. Da Ganesha für Glück und gutes Essen(Süssigkeiten)steht, seine Frauen aber für Reichtum und Erfolg, muß man seitdem auf all dies verzichten, um zu Erkenntnis und Erlösung zu gelangen.
  10. Reichtum
  11. Erfolg